Hilde on tour
Sommer 2026

Wie man einen Erzengel besucht und trotzdem duschen will

12. Juli 2026

Wie man einen Erzengel besucht und trotzdem duschen will

Die erste Woche ist zu Ende, und sie fühlt sich an wie zwei. Als wir vergangenen Sonntag weggefahren sind, war nicht vorauszusehen, was uns alles passieren würde. Zuerst der Besuch bei Hansi — samt Geburtstag. Dann Sabine und Tom und ein schönes gemeinsames Abendessen bei Sonnenuntergang über dem Bodensee. Weiter zu Uschi in den Ort, der mit A anfängt und so gut bewirtet hat, dann die Kalkfelsen, die schon Monet gemalt hat, und schließlich heute früh die Kirche am Felsen, die jenem Erzengel gewidmet ist, der zufällig meinen Namen trägt. Ich nehme das nicht persönlich. Ein bisschen schon.

Ihr kennt natürlich alle den Felsen, der da auf einer großen Sandbank vor der Küste steht. Nie wurde die Kirche eingenommen — sie ist das Symbol einer Nation, deren Wappentier ein Kikeriki ist. Na ja. Was soll ich sagen: Sie sind schon eigen. Nicht alle, aber die, die ich bisher getroffen habe, weigern sich vehement, Deutsch mit mir zu reden, erwarten aber offenbar, dass ich Französisch mit ihnen rede. Als ob ich das in Simmering auch machen würde. Französisch reden. Tsss.

Jedenfalls sind wir heute so gegen neun aufgestanden, haben geduscht — glaube ich, bei so vielen Duscheinheiten kommt man schon durcheinander —, dann die Roller aufgebaut und die gefühlte Million Touristen, die in einer langen Schlange zur Kirche unterwegs war, einfach mit zwanzig km/h überholt. Ich habe mich dabei ein wenig elend gefühlt. Wahrscheinlich haben mir alle die Pest und die Krätze an den Hals gewünscht, denn es war wirklich heiß — keine Wolke am Himmel, kein Lüftchen, und gefühlte zehn Kilometer zu bewältigen. Wie viele es wirklich waren, weiß ich nicht. Aber keine Sorge: Beim Aufstieg zur oberen Ebene haben auch wir unser Fett abbekommen. Teils im Schatten antiker Häuser mit modernen Touristenabzock-Läden, teils auf Stufen, die offenbar für Erzengel gebaut wurden, nicht für Menschen mit Knien.

Schaut er mir nicht ähnlich?
Schaut er mir nicht ähnlich?

Die Kirche… etwas schmucklos. Aber aus ur vielen Steinen. Also wirklich so viele Steine, dass in manchen Mauern sogar schmale Gänge zu sehen waren, durch die die Mönche damals — was weiß ich — gemacht haben, was Mönche in schmalen Gängen eben so machen.

Schmucklos
Schmucklos

Wie immer waren die Oberen fürstlich untergebracht und die einfachen Leute am Fuß des Felsens. Später wurde das Ganze auch ein Gefängnis, dafür war es ja bestens geeignet. Da fragt man sich schon: Waren die Mönche alle freiwillig da oben?

Wer mehr über die Kirche und den Orden wissen will — Wikipedia ist eine tolle Quelle. Ich bin im Urlaub.

Zurück zur Hilde — mit dem letzten Rest Strom haben wir es geschafft. Dann wieder duschen (siehe oben), alles einräumen, und weiter geht's zu einer Sehenswürdigkeit, die Sabine gefunden hat: rund 500 in den Stein gemeißelte Statuen, so die Ankündigung. Ach ja, bei der Abreise ist Sabine etwas aus der Rolle gefallen, der Stress und die Hitze ich kann es ihr nicht verdenken. Ich natürlich cool wie immer. Aber schon nach kurzer Zeit waren wir wieder ein Herz und eine Seele und haben uns gegenseitig vergeben (da muss ich immer mitmachen beim Verzeihen und Vergeben, obwohl ich, wie alle wissen, nie was falsch mache, haha). Mann, ich glaub du träumst, wer ist da ausgezuckt? Und wer hat mich beinahe niedergeführt? Und wer….soll ich weitermachen? Fast schon wäre ich mit dem Zug heimgefahren 😂😂😂. Nein, so schlimm war’s nicht, aber es war nicht unsere souveränste Abreise, das muss man sagen 🤷🏻‍♀️

Heute ist Sonntag, ganz Frankreich wollte zum Strand. Kein Parkplatz weit und breit, dafür schmale Gassen und ein munteres Vor und Zurück mit dem Retourgang, bei dem ich innerlich schon Abschiedsbriefe an die Außenspiegel verfasst habe.

Und dann, in der Nähe der Sehenswürdigkeit: ein Hilde-Parkplatz! Wir zu Fuß zu den behauenen Felsen, davor noch ein Cappuccino und ein Mineral avec Gas — man passt sich sprachlich an, so gut man eben kann. Der Eingang war gleich neben dem Lokal, und zehn Euro später finden wir uns an einem Steilhang über der stürmischen See wieder. Die Gesichter in den Steinen waren teils eigenartig, teils zwergenartig, sogar ein Drache war dabei. Der Künstler war taub und stumm und hatte angeblich eine Schlaganfall. Und angeblich haben ihm die Steine selbst aufgetragen, die Gesichter herauszumeißeln. Ich urteile nicht. Aber seht selbst.

Der ist noch ganz ok, oder?
Der ist noch ganz ok, oder?

Dann fahren wir los zu einem Campingplatz, weil wir ja — Überraschung — super gerne duschen. Leute: Das war der schlimmste Campingplatz der Erde. Alle stehen auf hügeligem Gelände in Kraut-und-Rüben-Formation, wir finden keinen Platz für die Hilde, und einmal hat uns ein Franzose bei einer freien Lücke erklärt, da könnten wir nicht stehen, weil da müsse eine Frau ihr Auto hinstellen. Also der wollte uns einfach nicht haben. Und alle haben uns angeschaut, als hätten sie noch nie eine Hilde gesehen. Haben sie vermutlich auch nicht. Ihr Verlust.

Der nächste Stellplatz war voll. Der nächste Stellplatz war auch voll. Die nächsten beiden Campingplätze wollten wir uns gar nicht erst ansehen, dafür war der nächste Stellplatz wieder voll. Dann haben wir getankt, was meine Laune um hundert Prozent gehoben hat — wie alle wissen, die wissen, wie ich zu einem fast leeren Tank stehe. Und beim übernächsten Platz dann das Glück: Sie haben noch einen für uns.

Ich koche Nudeln mit Pesto, Sabine macht Salat dazu, und jetzt sitze ich satt und zufrieden da und fasse es nicht, dass wir erst eine Woche unterwegs sind.

Es ist windig und etwas kühl. Heute schauen wir wohl noch eine Serie, und dann wird gut geschlafen. Duschen können wir ja morgen wieder. Überraschung: wir haben in der Hilde geduscht, dafür haben wir die Dusche ja. Hab ich eigentlich schon erzählt, warum in der Dusche das Wasser nicht so gut abrinnt? 😉 ich saaaaags nicht 🤭