Hilde on tour
Sommer 2026

Hilde und die Hoffnung — oder: Warum Pandora einen Krug hatte

14. Juli 2026

Hilde und die Hoffnung — oder: Warum Pandora einen Krug hatte

Der Tag begann mit einer kühlen Brise und zwei funktionierenden Zoom-Meetings. Wobei eines… egal. Sie sind gestartet, fast alle Teilnehmer waren da, und… ja, wenn die Katze auf Urlaub ist — du kennst das ja.

Wir machen uns reisefertig. Die Lampe am Dashboard von Hilde sollte ausgehen, sobald wir genug Kilometer gefahren sind. Also sagen wir Goodbye zum netten Stellplatz und fahren los — Sabine etwas sorgenvoll, ich sehr hoffnungsvoll. Einer muss es ja sein.

Die soll von alleine ausgehen
Die soll von alleine ausgehen

Wie ich gelernt habe, war es übrigens keine Büchse der Pandora, sondern ein Krug. Und ganz unten im Krug saß das Wesen Hoffnung. Die Gelehrten streiten bis heute, ob die Hoffnung nicht das Grausamste war, was da drin lag. Na ja — du wirst gleich sehen, warum ich das erwähne. Denn kurz nach dem Volltanken (mein Glückshormon-Höchststand, wie bekannt) erschien direkt über der Motorleuchte die Spiralleuchte. Blinkend. Hilde hat offenbar ein Gespür für Dramaturgie.

Die Zwerge — das KI-Orakel, das Sabine befragt — weisen uns darauf hin, dass in zwanzig Minuten beide Anzeigen von alleine ausgehen, und wenn nicht, dürfen wir mit einem Motorschaden rechnen. Letzteres kein Angebot, das man gerne annimmt.

Also entscheiden wir uns für den Abbruch. Wir fahren zum nächsten Ort mit einer Werkstatt, und weil heute in Frankreich Feiertag ist — natürlich ist heute Feiertag, Hilde macht nichts halb —, suchen wir einen Platz für die Nacht. Den finden wir auch. Dachten wir zumindest, bei einem Campingplatz am Meer. Allerdings war die Rezeption ewig weit weg. Seltsam. Sabine ruft bei einem anderen an, und die haben einen Platz für uns. Um 14:00 sollen wir kommen. Es ist 12:50, also warten wir auf einem Parkplatz hinter einer Düne. Ich rasiere mich das erste Mal auf der Reise und überrasche Sabine mit meinem jugendlichen Antlitz. Sie fasst sich schnell wieder. 😂😂😂😂

Insgesamt geht es mir besser, seit wir beschlossen haben, Hilde reparieren zu lassen. Ich diskutiere am Campingplatz über Stunden immer wieder mit Claude, und wir einigen uns letztendlich auf eine VW-Werkstatt, zwanzig Minuten entfernt (Hilde ist ja für eine normale Werkstatt zu groß)— und die Sensoren können nämlich sehr fest sitzen, und ein Tausch bringt oft mehr Zores als Nutzen, wenn das richtige Werkzeug fehlt. Also der Plan: zuerst die zwei Sensor-Sachen erneuern, dann einen Durchgang anstoßen, bei dem der Filter gereinigt wird. Und dann können wir weiter nach Nordspanien. So weit die Theorie. Die Hoffnung sitzt bekanntlich ganz unten im Krug.

Claude - in Frankreich voll bei der Sache, weil sie ja auch einen französischen Namen hat. Schreibt folgendes. Wobei ich kein Wort verstehe - wir werden es die Leute lesen lassen.

Der echte Teil 1
Der echte Teil 1
Teil 1
Teil 1

Der Platz, auf dem wir landen, ist schön. Ich lese und schlafe, Sabine macht das genauso — wir sind ein eingespieltes Team. Wir nützen die Zwangspause auch zum Wäsche waschen. Dann gehen wir an den Strand und sehen Milliarden Austernschalen. Hier vor der Küste gibt es viele Austernfarmen, daher die Schalen — so dick, dass sie fast unzerbrechlich sind. Die Auster hat verstanden, was Hilde noch lernen muss: robuste Bauweise.

Dann koche ich uns Spiralnudeln — als kleine Hommage an die Spiralleuchte — mit einer Bolognese, die Sabine im November 23 eingekocht hat. Lecker! *mansagtdochlecker*

Heute noch am Plan: alles fahrbereit machen, schlafen gehen, und morgen — haltet uns die Daumen — eine Werkstatt finden, die die Hilde wieder gut macht.

Für alle die Geschichte mögen und weil es am Donnerstag in Phil’s Kolumne vorkommt. Https://Digioneer.pro

Die Geschichte beginnt, wie so vieles bei den Griechen, mit einem Racheakt. Prometheus hatte den Göttern das Feuer gestohlen, um es den Menschen zu bringen * und Zeus damit gedemütigt. Zeus rächte sich nicht mit einem Blitz, sondern mit einem Geschenk: Er ließ Hephaistos aus Erde und Wasser eine Frau formen, und jeder Gott gab ihr etwas mit — Athene die Kunstfertigkeit, Aphrodite den Liebreiz, Hermes ein listiges Herz und schmeichelnde Worte. Daher der Name: Pandora, „die mit allem Beschenkte”. Sie war also buchstäblich ein künstliches Wesen, gebaut auf Bestellung, zu einem Zweck, den nur der Auftraggeber kannte.

Zeus schickte sie an Epimetheus — den Bruder des Prometheus. Die Namen sind das eigentliche Programm: Prometheus heißt „der Vorausdenkende”, Epimetheus „der Nachherdenkende”. Prometheus hatte seinen Bruder ausdrücklich gewarnt, niemals ein Geschenk von Zeus anzunehmen. Epimetheus sah Pandora und vergaß die Warnung. Erst hinterher begriff er — wie es sein Name verlangt.

Im Haus stand ein großer Vorratskrug, ein Pithos. Pandora hob den Deckel, und heraus flogen alle Übel, die die Menschen bis dahin nicht gekannt hatten: Mühsal, Krankheit, Alter, tausend Plagen, die sich lautlos über die Welt verteilten — Zeus hatte ihnen die Stimme genommen, damit sie ungehört kommen. Nur ein einziges Wesen blieb im Krug zurück, unter dem Rand, weil Pandora den Deckel wieder schloss, bevor es entweichen konnte: Elpis, die Hoffnung.

Und genau daran arbeiten sich die Philologen seit Jahrhunderten ab. Ist die Hoffnung im Krug geblieben, damit sie den Menschen erhalten bleibt — als einziger Trost? Oder war sie das schlimmste Übel von allen, das Zeus zurückhielt: die trügerische Erwartung, es werde schon besser werden, die uns still hält, während alles andere über uns kommt? Hesiod lässt es offen. Die „Büchse” übrigens ist ein Übersetzungsfehler des Erasmus von Rotterdam, zweitausend Jahre später — er machte aus dem Pithos eine Pyxis, ein Döschen. Seither erinnern wir selbst die Warnung falsch, was fast schon wieder die Pointe der Geschichte ist.

  • * Prometheus stahl das Feuer für die Menschen. Er entwendete es den Göttern — in einer Version aus der Werkstatt des Hephaistos, in der bekannteren von Hesiod trug er es in einem hohlen Fenchelstängel vom Olymp herunter — und brachte es den Menschen, denen Zeus es verweigert hatte.

Das ist ja der Kern der Figur: Prometheus ist der Menschenfreund unter den Göttern, der Technologie-Schmuggler sozusagen. Das Feuer steht für alles, was daraus folgt — Handwerk, Metallurgie, Zivilisation. Zeus wollte die Menschen klein halten, Prometheus hat ihnen das Werkzeug der Selbstermächtigung zugespielt.

Und deshalb ist die Rache auch so präzise gebaut: Zeus bestraft nicht nur Prometheus selbst (der bekommt den Felsen und den Adler, der täglich seine Leber frisst), sondern die Beschenkten gleich mit. Die Menschen haben die Technologie bekommen, die ihnen nicht zugedacht war — also bekommen sie Pandora hinterher, das Geschenk mit doppeltem Boden. Feuer und Krug gehören zusammen: erst der Fortschritt, dann die Rechnung.