Hilde on tour
← Sommer 2026

Der Turm des Herkules — oder: Sorry, dude

3. August 2026

Der Turm des Herkules — oder: Sorry, dude

Wir wachen um 9:00 auf, so ungefähr. Sabine beschließt, im Meer baden zu gehen, und ich mache meine tägliche Arbeit als Chefredakteur und Herausgeber des The Digioneer (digioneer.pro) — wer ihn noch nicht kennt: Ihr könnt ihn gratis abonnieren und fit für die Zukunft werden. So, das war die Werbung, weiter im Text.

Einpacken müssen wir nichts, also geht es los — über eine Ausfahrt, die die Reifen sämtlicher Wohnmobilisten bis an ihre Grenzen bringt. Ich danke für den großartigen Stellplatz, der wieder gratis war, aber wünsche dem Verantwortlichen für diese Ausfahrt, dass er jeden Tag da durchfahren muss, bis er das gelöst hat. Sabine würde sagen: direkte Konsequenz.

Wir fahren weiter, und nach kurzer Zeit kommen wir in die Stadt (A Coruna), in der Herkules angeblich ein Abenteuer bestanden, den Kopf des Besiegten an der Klippe eingebuddelt und ein Feuer entzündet hat. Ihr könnt das auf Wikipedia nachlesen. Jedenfalls glauben wir ja, dass sämtliche Abenteuer des Herkules in Griechenland und Umgebung stattgefunden haben. Der Norden Spaniens gehört da nur bedingt dazu — aber wer weiß. Die antike PR-Abteilung hat ganze Arbeit geleistet. Was richtig cool war heute: ich habe uns wieder mit der KI eine Route mit den Scootern durch die Stadt erstellen lassen, auf Google Maps ausgegeben und schon sind wir losgedüst. Richtig gut, meine Gemini Zwerge 🫶🏻

Jedenfalls steht dort mittlerweile ein riesiger Turm, der auch die Funktion eines Leuchtturms hat. Er blinkt alle zwanzig oder zweiundzwanzig Sekunden einen Code. Alter Schwede — ich habe mir echt nur die Hälfte gemerkt. Sabine hat so brav vorgelesen, aber ich habe mit dem Anstieg gekämpft, und jetzt haben wir den Salat. Sollte je ein Segler vor der spanischen Küste diesen Beitrag genau in dem Moment lesen, in dem er wissen muss, in welchem Abstand der Leuchtturm was blinkt: Sorry, dude. Du bist aufgeschmissen. Fahr einfach nach Nordwest, da ist jedenfalls kein Land, und zwar so lange, bis du keinen Leuchtturm mehr siehst. Das sollte reichen, um den Landvorsprung zu umschiffen. Gern geschehen.

Elektrojacht
Elektrojacht

Aber eigentlich sind wir ja angekommen: ein schicker asphaltierter oder betonierter und lackierter Platz, fast leer. Wir stellen uns hinter neben einen anderen Wiener — Wahnsinn, unser erster Wiener! Wir sind uns nicht ganz einig, ob wir das toll finden oder nicht, und fahren erst einmal mit den Scootern in die Stadt.

Beim Rathaus testen wir die Speisen (Tapas?) des Ecklokals am Rathausplatz, und zwar fast alle. Leute! Genial. Schmecken großartig, kosten drei Euro das Stück, und Sabine und ich teilen sie uns. Hier die Speisekarte.

Alles außer Salat, Eierkuchen und Schwein Loin
Alles außer Salat, Eierkuchen und Schwein Loin

Dann tingeln wir durch die Stadt, essen ein großartiges Eis, finden eine nette Strandbar (nach dem Torre de Hércules), und Sabine geht schon wieder schwimmen. Wie es scheint, war das Wasser recht kalt. Haha. Je weiter wir gen Westen kommen, desto kälter ist das Wasser 🙃

Ich habe derweil mein kleines Nachmittagstief und wäre ein paarmal eingenickt, aber Sabine checkt mir einen Kaffee, und dann ging es wieder. Nachmittagstief ist übrigens kein Tagesordnungspunkt, sondern ein Betriebszustand.

Sabine. Das Meer ist kalt.
Sabine. Das Meer ist kalt.

Wir fahren wieder durch die Stadt und schieben die Roller durch die engen Gassen. Die Menschen sind aus ihren Hotels gekommen — und aus dem Kreuzfahrtschiff, vermute ich. Jedenfalls war es crowded. Und dann finden wir einen netten Platz vor einem Haus aus 1911 im Art-déco-Stil, noch einen Kaffee und einen Veltliner. Ich weiß, die haben hier keinen Veltliner, aber für mich ist das der Sammelbegriff für Weißwein. Klingt einfach besser. Veltliner. Weißwein. Oder?

So, jetzt sind wir geduscht, und ich schreibe diese Zeilen, während Sabine ein Brötchen schmiert und es draußen leicht regnet. Es hat 21 Grad, und wir sind froh, dass es in der Hilde noch warm ist von der Sonne des Tages.

Ja, Leute, das war es für heute. Ich hoffe, ihr kommt halbwegs gut zurecht mit der Hitze in Wien und Umgebung. Wir denken an euch.

Nachtrag zu Herr Kules.

Nachdem ich beim Aufstieg damit beschäftigt war, meinen Kreislauf am Leben zu halten, und Sabines brave Vorlesestunde nur zur Hälfte mitbekommen habe, hole ich das jetzt nach. Für euch. Und ein bisschen für den Segler.

Erstens: der Mythos

Die Geschichte, die dem Turm den Namen gab, hat Alfons X., genannt der Weise, im 13. Jahrhundert aufgeschrieben. Sie geht so: Die Bewohner dieser Gegend litten unter einem Riesen namens Geryon, der Tribute verlangte — je nach Version auch ihre Kinder. Da sie ihn nicht selbst loswurden, baten sie Herkules um Hilfe. Der kämpfte drei Tage und drei Nächte gegen ihn, siegte, begrub den Kopf des Besiegten und ließ an dieser Stelle einen Turm errichten. Daneben gründete er eine Stadt, benannt nach der ersten Bewohnerin: Crunia. Daher A Coruña.

Das Stadtwappen zeigt bis heute den Turm über einem Totenschädel mit gekreuzten Knochen. Das ist kein Piratenromantik-Zitat, sondern Geryons Kopf. Eine Stadt, die sich einen abgeschlagenen Riesenschädel ins Wappen legt, hat Selbstbewusstsein.

Interessant daran ist, dass sich hier zwei Kulturen überlagern: Der griechisch-römische Held erledigt einen Riesen, begräbt aber dessen Kopf samt Waffen — eine keltische Geste. Und mein Einwand von oben, dass Herkules seine Abenteuer eigentlich östlich von hier bestanden hat, ist gar nicht so falsch. Der Kampf gegen Geryon gehört tatsächlich zu den zwölf Aufgaben, nur wurde er im antiken Original weiter südlich verortet, an der Meerenge von Gibraltar. Die Verlegung nach Galicien ist eine spätere Aneignung — man hat sich den prominentesten Helden der Antike an die eigene Küste geholt. Ortsmarketing hat eine lange Tradition.

Zweitens: die keltische Gegenerzählung

Es gibt nämlich noch eine zweite Legende, und die ist den Galiciern näher. Im irischen "Buch der Landnahmen" (Lebor Gabála Érenn) erscheint König Breogán, der mythische Stammvater der galicischen Kelten. Er gründet die Stadt Brigantia und baut einen Turm, so hoch, dass sein Sohn Ith von der Spitze aus in einer klaren Winternacht eine ferne grüne Küste erblickt: Irland. Ith bricht auf, und die Sache endet tragisch — er wird getötet, sein Leichnam nach Brigantia zurückgebracht. Aus dieser Erzählung leitet sich die Vorstellung ab, dass die Iren ursprünglich aus Galicien kamen.

Vor dem Turm steht deshalb heute nicht Herkules, sondern Breogán. Die Statue schaut aufs Meer hinaus, ungefähr Richtung Irland. Man muss dazusagen: Von A Coruña aus sieht man Irland nicht. Es sind rund 900 Kilometer offene See. Aber genau davon lebt eine gute Legende.

Drittens: was die Archäologie sagt

Und jetzt der Teil, der wirklich beeindruckt, weil er nachweisbar ist.

Der Turm ist römisch. Errichtet wurde er wahrscheinlich im späten 1. oder frühen 2. Jahrhundert n. Chr., häufig genannt wird die Zeit um 110 unter Kaiser Trajan. Sein römischer Name war Farum Brigantium — und "farum" kommt vom griechischen "pharos", also vom Leuchtturm von Alexandria, dem Prototyp aller Leuchttürme.

Wir kennen sogar den Architekten. Am Fuß des Turms sitzt ein Weihestein mit der Inschrift MARTI AVG SACR C SEVIVS LVPVS ARCHITECTVS AEMINIENSIS LVSITANVS EX VO — dem Mars Augustus geweiht von Gaius Sevius Lupus, Architekt aus Aeminium in Lusitanien, dem heutigen Coimbra in Portugal, zur Erfüllung eines Gelübdes. Ein Bauleiter, der seinem Gott dankt, dass der Bau gehalten hat. Ich finde das rührend zeitlos.

Antike Autoren erwähnen den Turm ebenfalls: Ptolemäus, Cassius Dio und Paulus Orosius, der ihn im 5. Jahrhundert als besonders hohen Leuchtturm bei der Stadt Brigantia beschreibt, von dem aus man nach Britannien Ausschau hält.

Was man heute sieht, ist allerdings nicht der römische Bau. Der war im 18. Jahrhundert halb verfallen, und zwischen 1788 und 1791 hat der Architekt Eustaquio Giannini ihn unter Karl IV. sanieren lassen — mit einer klassizistischen Steinhülle rundherum und zwei achteckigen Aufsätzen. Der römische Kern steckt vollständig darin: Von den 55 Metern Gesamthöhe entfallen rund 34 Meter auf römisches Mauerwerk. Man hat also nicht abgerissen und neu gebaut, sondern eingepackt. Aus heutiger Denkmalpflege-Sicht ein Glücksfall.

Der eigentliche Erkenntnissprung kam spät: Erst in den Ausgrabungen der 1990er-Jahre wurden die römischen Fundamente freigelegt und die Anlage an der Basis dokumentiert. Am Sockel steht außerdem ein kleines rechteckiges römisches Gebäude. Und im umliegenden Gelände liegen weitere Zeitschichten übereinander — eisenzeitliche Felsritzungen am Monte dos Bicos und ein islamischer Friedhof.

2009 wurde der Turm UNESCO-Welterbe. Die Begründung ist bemerkenswert präzise: Er ist der einzige Leuchtturm aus römischer Zeit, der bis heute in Betrieb ist. Nicht der älteste erhaltene — der älteste, der nie aufgehört hat zu arbeiten. Knapp 1900 Jahre Dienst am selben Ort, mit Unterbrechungen, Umbauten und einer Phase als Wachturm und Festung, aber im Kern immer dieselbe Aufgabe: Schiffe vor dieser Küste warnen.

Das Leuchtmittel hat sich dabei ein paarmal geändert — von der Öllampe mit Spiegel über ein Kohlebecken bis zum elektrischen Licht ab 1927.

Und viertens, für den Segler

Ich habe es nachgeschlagen. Der Herkulesturm zeigt ein weißes Blitzfeuer mit vier Blitzen und einer Wiederkehr von 20 Sekunden, bei einer Nenntragweite von 23 Seemeilen.

Also: vier Blitze, alle 20 Sekunden, weiß.

Sorry, dude. Jetzt hast du es schriftlich.

Parking Marina Coruna - 51€ (der bisher teuerste Stellplatz - liegt aber super zentral und wir haben uns dann doch dafür entschieden - und die Duschen sind super!)

Sabines neues Vorbild
Sabines neues Vorbild
Die kalte Bucht
Die kalte Bucht
Mein Kaffee. Danke Sabine!
Mein Kaffee. Danke Sabine!
Der Container, wo der Kaffee hergekommen ist
Der Container, wo der Kaffee hergekommen ist